Industriekultur Oedt

Die Villa Girmes

Fabrikantenvilla, Rathaus, Heimatmuseum – drei Leben eines Hauses

Wer in Oedt nach den Spuren der Textilindustrie sucht, kommt an einem Gebäude nicht vorbei: der Villa Girmes an der Johannes-Girmes-Straße. Sie wurde als Wohnsitz der Fabrikantenfamilie errichtet, die den Ort über ein Jahrhundert wirtschaftlich prägte, diente später der Gemeinde Oedt als Rathaus und beherbergt heute im Kellergeschoss das Heimatmuseum – mit jenen archäologischen Funden, die bei den Ausgrabungen an der Burg Uda zutage kamen.

Damit verbindet dieses eine Haus die beiden Erzählungen des Ortes: die mittelalterliche Burggeschichte und den industriellen Aufstieg des 19. Jahrhunderts. Rund zehn Gehminuten trennen die Villa vom Burgturm.

Auf einen Blick

Die wichtigsten Daten zum Girmes-Erbe in Oedt

1879
Gründung der Samt- und Plüschfabrik Johannes Girmes
1850
Gründung der Firma Peter Mertes, Blaufärberei
1970
Oedt wird Ortsteil der Gemeinde Grefrath
frei
Eintritt zum Heimatmuseum im Keller

Die Familie hinter dem Haus

1879 gründete Johannes Girmes in Oedt eine Samt- und Plüschfabrik. Aus dem Betrieb wuchs der größte Arbeitgeber des Ortes: Auf dem Höhepunkt beschäftigten die Girmes-Werke mehrere tausend Menschen und machten Oedt zu einem Zentrum der Textilproduktion am Niederrhein.

Die Familie prägte den Ort dabei nicht nur wirtschaftlich. Sie ließ Arbeitersiedlungen errichten, stiftete öffentliche Einrichtungen und baute mit der Villa ein Haus, das den Wohlstand und das Selbstverständnis der niederrheinischen Textilindustriellen nach außen trug. Repräsentation war Teil des Geschäfts – die Fabrikantenvilla war Wohnhaus und Visitenkarte gleichermaßen.

Girmes war nicht der einzige Textilbetrieb im Ort. Bereits 1850, also fast drei Jahrzehnte früher, war die Firma Peter Mertes gegründet worden: eine Blaufärberei, die später auch Berufskleidung herstellte. Beide Werke bestimmten über Generationen das Ortsbild und den Arbeitsalltag in Oedt.

Warum Textil, und warum hier?

Das Weberhandwerk ist in Oedt schon lange vor der Industrialisierung bezeugt. Am Niederrhein arbeiteten Hausweber traditionell in Heimarbeit, oft im Nebenerwerb zur Landwirtschaft. Als im 19. Jahrhundert mechanische Webstühle und Dampfkraft verfügbar wurden, traf die neue Technik hier auf vorhandenes Können, verfügbare Arbeitskräfte und die Nähe zu den Absatzmärkten in den Niederlanden und im Ruhrgebiet. Aus dem Handwerk wurde Industrie – und aus einem Dorf an der Niers ein Fabrikstandort.

Vom Wohnhaus zum Rathaus

Ab den 1970er-Jahren geriet die deutsche Textilindustrie unter massiven Kostendruck. Die Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigeren Löhnen traf den gesamten Niederrhein, und sie traf Oedt hart: Die Girmes-Werke schlossen, der größte Arbeitgeber des Ortes verschwand, und die Gemeinde musste sich wirtschaftlich neu erfinden.

Die Villa überlebte diesen Bruch, weil sie eine neue Aufgabe erhielt. Das Gebäude wurde zum Rathaus der Gemeinde Oedt umgenutzt. Diese Umnutzung ist der Grund, warum das Haus heute überhaupt noch steht: Viele Fabrikantenvillen der Region wurden nach dem Ende der Werke abgerissen oder verfielen. Ein Gebäude, das eine öffentliche Funktion bekommt, wird gepflegt.

1970 verlor Oedt im Rahmen der kommunalen Neuordnung seine Eigenständigkeit und wurde Ortsteil der Gemeinde Grefrath im Kreis Viersen. Der Straßenname Johannes-Girmes-Straße hält die Erinnerung an den Fabrikgründer bis heute im Ortsplan präsent.

Das Heimatmuseum im Keller

Wo die Funde der Burg Uda zu sehen sind

Im Kellergeschoss der ehemaligen Villa zeigt das Heimatmuseum Oedt auf überschaubarer Fläche eine dichte Sammlung zur Ortsgeschichte. Für Besucher der Burg Uda ist es die entscheidende zweite Adresse: Hier liegen Funde aus den Ausgrabungen der Jahre 1959 bis 1962, die im Burgturm selbst keinen Platz finden.

Dazu kommen Exponate zur Textilgeschichte des Ortes, zum Alltagsleben und zur religiösen Kultur des Niederrheins. Betreut wird die Sammlung vom Heimatverein Oedt e.V., der auch den Burgturm pflegt.

Besuch

Johannes-Girmes-Straße 21, 47929 Grefrath-Oedt
Jeden 1. Sonntag im Monat, 14–17 Uhr (Februar–Dezember)
Eintritt frei

Schwerpunkte der Sammlung

• Archäologische Funde der Burg Uda
• Dokumente zur Textilgeschichte
• Historische Fotografien von Oedt
• Alltagsgegenstände aus der Ortsgeschichte
• Kirchliche Kunst und Brauchtum

Besuch kombinieren

Museum und Burgturm liegen etwa zehn Gehminuten auseinander. An einem ersten Sonntag im Monat zwischen April und Oktober sind beide geöffnet – das ist der einzige Termin, an dem sich Turm und Sammlung an einem Tag verbinden lassen. Details auf der Seite Besuch & Anfahrt.

Offene Fragen zur Baugeschichte

Zur Villa Girmes ist weniger dokumentiert, als ihre Bedeutung für den Ort vermuten lässt. Damit auf dieser Seite kein falscher Eindruck von Sicherheit entsteht, benennen wir die offenen Punkte ausdrücklich:

Noch nicht belegt

• Genaues Baujahr der Villa
• Architekt und Baumeister
• Ursprünglicher Grundriss und Raumprogramm
• Jahr der Umnutzung zum Rathaus
• Umbauten und Veränderungen an der Fassade
• Status als eingetragenes Baudenkmal

Wir arbeiten daran, diese Angaben aus den Beständen des Heimatvereins Oedt e.V. und dem Heimatjahrbuch „Das Üdsche Heimatblättsche“ zu belegen. Wer über Quellen, Bauakten, Fotografien oder eigene Erinnerungen an die Villa und die Girmes-Werke verfügt, ist herzlich eingeladen, sich beim Heimatverein zu melden.

Quellen und Stand

Die Angaben dieser Seite stützen sich auf die Ortsgeschichte von Oedt und die Bestandsangaben des Heimatvereins Oedt e.V. Einzelnachweise zur Baugeschichte der Villa werden ergänzt, sobald die Archivrecherche abgeschlossen ist. Als offen gekennzeichnete Punkte sind ausdrücklich nicht belegt.

Zuletzt aktualisiert: August 2026

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