Die Villa Girmes
Das Wohnhaus der Fabrikantenfamilie, heute Rathaus und Heimatmuseum.
Zur Villa1879 bis zum Strukturwandel: die Fabrik, die einen Ort geprägt hat
Über die Burg Uda spricht man, weil sie 700 Jahre alt ist. Über die Girmes-Werke muss man sprechen, weil sie das Leben in Oedt tiefer verändert haben als jede Belagerung des Mittelalters. Wer im 20. Jahrhundert in Oedt aufwuchs, kannte jemanden, der bei Girmes arbeitete – oder arbeitete selbst dort.
1879 gründete Johannes Girmes im Ort eine Samt- und Plüschfabrik. Aus dem Betrieb wuchs der größte Arbeitgeber der Gemeinde: Auf dem Höhepunkt beschäftigten die Werke mehrere tausend Menschen und machten Oedt zu einem Zentrum der Textilproduktion am Niederrhein.
Die Textilindustrie in Oedt
Die Textilproduktion kam nicht 1879 nach Oedt – sie war schon lange da. Bereits ab dem 17. Jahrhundert ist im Ort eine Textiltradition bezeugt, und das Weberhandwerk reicht noch weiter zurück.
Am Niederrhein arbeiteten Weber traditionell in Heimarbeit. Der Webstuhl stand in der Wohnstube oder im Keller, gearbeitet wurde für Auftraggeber, oft im Nebenerwerb zur kleinen Landwirtschaft. Diese Struktur prägte die Region über Generationen: viele kleine, verstreute Produzenten, verbunden über Händler, die Rohstoff brachten und Ware abholten.
Genau dieses Muster erklärt, warum die Industrialisierung hier so schnell griff. Als im 19. Jahrhundert mechanische Webstühle und Dampfkraft verfügbar wurden, traf die neue Technik auf vorhandenes Können, auf Menschen, die das Handwerk beherrschten, und auf Unternehmer, die die Absatzwege bereits kannten. Die Nähe zu den Niederlanden und später zum Ruhrgebiet lieferte die Märkte.
Oedt war damit kein Zufallsstandort. Der gesamte Niederrhein wurde im 19. Jahrhundert zur Textilregion – Krefeld für Seide, das Gebiet um Mönchengladbach für Baumwolle, und dazwischen zahlreiche spezialisierte Standorte wie Oedt.
Girmes produzierte Samt und Plüsch – sogenannte Florgewebe. Bei ihnen stehen zusätzliche Fäden senkrecht aus der Grundfläche heraus und bilden eine dichte, weiche Oberfläche. Samt hat einen kurzen Flor, Plüsch einen längeren.
Diese Stoffe sind technisch anspruchsvoll: Sie erfordern besondere Webstühle, präzise Fadenführung und eine sorgfältige Nachbehandlung. Genau darin lag die Chance eines mittelgroßen Standorts. Wer ein schwierig herzustellendes Spezialprodukt beherrschte, musste nicht über den Preis konkurrieren.
Der Bedarf war beträchtlich. Samt und Plüsch gingen in Bekleidung, in Polstermöbel, in Vorhänge und Dekoration, später in Fahrzeugausstattung. Über Jahrzehnte trug dieses Sortiment die Beschäftigung eines ganzen Ortes.
Die Familie Girmes prägte Oedt nicht nur als Arbeitgeber. Sie ließ Arbeitersiedlungen errichten, stiftete öffentliche Einrichtungen und baute mit der Villa Girmes ein repräsentatives Wohnhaus, das den Wohlstand der niederrheinischen Textilindustriellen nach außen trug.
Werkswohnungsbau war im 19. Jahrhundert verbreitet und hatte gemischte Motive. Er band Arbeitskräfte an den Betrieb, sicherte kurze Wege zur Schicht und verschaffte dem Unternehmer Einfluss über den Arbeitsplatz hinaus. Gleichzeitig bot er vielen Familien Wohnraum in einer Qualität, die sie sich auf dem freien Markt nicht hätten leisten können.
Girmes war dabei nicht allein. Bereits 1850, fast drei Jahrzehnte früher, war die Firma Peter Mertes gegründet worden – eine Blaufärberei, die später auch Berufskleidung herstellte. Beide Werke bestimmten über Generationen das Ortsbild und den Arbeitsalltag.
Sichtbar ist das bis heute im Straßennetz: Die Johannes-Girmes-Straße trägt den Namen des Fabrikgründers, und an ihr steht die Villa, in deren Keller das Heimatmuseum die Textilgeschichte des Ortes dokumentiert.
Ab den 1970er-Jahren geriet die deutsche Textilindustrie unter Druck, dem sie langfristig nicht standhielt. Produktion verlagerte sich in Länder mit deutlich niedrigeren Lohnkosten, Handelsschranken fielen, und Transport wurde billig. Was in Oedt an Können und Anlagen steckte, war weiterhin vorhanden – nur ließ es sich zu westdeutschen Löhnen nicht mehr wettbewerbsfähig einsetzen.
Der Effekt traf den gesamten Niederrhein, und er traf Oedt hart. Die Girmes-Werke schlossen. Der größte Arbeitgeber des Ortes verschwand, und die Gemeinde musste sich wirtschaftlich neu orientieren.
Solche Brüche hinterlassen zwei Arten von Spuren. Die eine ist baulich: Werksgelände, Villen, Siedlungen, die eine neue Nutzung finden müssen oder verfallen. Die andere ist biografisch – Arbeitsleben, die abbrechen, und ein Ortsselbstverständnis, das sich verändert. Beides zu dokumentieren ist heute Aufgabe des Heimatvereins, dessen Heimatjahrbuch Zeitzeugenberichte aus dieser Phase sammelt.
Dass die Villa Girmes den Bruch überlebte, liegt an ihrer Umnutzung zum Rathaus der Gemeinde Oedt. Viele Fabrikantenvillen der Region hatten weniger Glück.
Die Industriegeschichte von Oedt ist schlechter dokumentiert als die Burggeschichte. Folgende Punkte können wir derzeit nicht belegen und geben sie deshalb nicht als gesichert aus:
• Höchststand der Beschäftigtenzahl und das zugehörige Jahr
• Genaues Jahr der Schließung und die rechtlichen Umstände
• Vollständiges Produktsortiment und Exportmärkte
• Lage und Umfang der Arbeitersiedlungen
• Heutige Nutzung des früheren Werksgeländes
• Verhältnis von Girmes und Peter Mertes zueinander
• Biografische Daten zu Johannes Girmes
Wir arbeiten daran, diese Angaben aus den Beständen des Heimatvereins Oedt e.V. und dem Heimatjahrbuch „Das Üdsche Heimatblättsche“ zu belegen.
Quellen und Stand
Die Angaben stützen sich auf die Ortsgeschichte von Oedt sowie auf allgemein gesicherte Grundzüge der niederrheinischen Textilgeschichte. Einzelnachweise zu Firmendaten werden ergänzt, sobald die Archivrecherche abgeschlossen ist. Als offen gekennzeichnete Punkte sind ausdrücklich nicht belegt.
Zuletzt aktualisiert: August 2026
Industriegeschichte und Burg im Zusammenhang
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